
Mindestens einmal im Jahr, wenn mich die Wiesngrippe holt (Gott behüte diesmal keine Influenza) und ich anschließend die schrecklichen Erlebnisse von der Wiesenzusammenkunft mit meinem Psychiater aufrichtig reflektieren möchte, sagt er immer zu mir:
"Du musst vor allem lernen, DIR selbst zu verzeihen!".
In Wirklichkeit spricht er das
dir immer ein paar Pixel größer aus als den Rest und blickt mich dabei an, als hätte ich zwei Tage nichts gegessen. Sehr aufmunternd. Das Knurren kommt aus meiner Lunge. Psychiater eben. Deswegen ist es besser, dass ich ihm verschweige, dass ich bei Lungenrasseln kombiniert mit seinem Woody Allen Blick an Saure Lungen denken muss. Weil ich's kann. Der Mann ist Veganer, also sichere ich mich doppelt ab, wenn ich einfach nix dazu sage. Da die Sitzung in dem Augenblick gewöhnlich zu Ende ist, ergibt sich keine Gelegenheit mich schlecht fühlen. Wir erzählen uns ja sonst alles (alles, was die Kasse wissen darf oder soll).
Wieso erzähle ich es dir, liebes Tagebuch? Es ist wieder so weit: Heute um 1300 hat mein alljährlicher
Dreitages Azithromycin-Delirium-Tripp begonnen. Bei Azithromycin handelt sich um ein Antibiotikum, dass bei mir grandios anschlägt aber leider meinen Orientierungssinn und alle damit verbundenen (und im Beipackzettel gut Dokumentierten) Nebenwirkung auslöst - was den eigentlichen Reiz dieses verschreibungspflichtigen Medikaments ausmacht. Also nichts, das außer Kontrolle geraten kann, weil ich damit umzugehen weiß. Außerdem ohne Zuzahlung!
Ab und an sollte man die eigenen eingefahrenen Gewohnheiten auch noch mit leichten Modifikationen zum fliegen bringen. So jedenfalls habe ich modernes
Risk Management verstanden. Also dann:
Mein Change set beinhaltet, im Azithromycin-Delirium so zu tun, als könnte ich arbeiten. Solange jedenfalls, bis ich den Selbstversuch abbrechen muss, weil ich meinem Chef aufs Oberhemd gekotzt habe und schnell - und ich meine wirklich schnell - rennen muss. Eine Sache, die bei vermindertem Orts- und Realitätssinn nicht leicht, auf der anderen Seite aber auch wieder eine Heldentat ist. Helden-Totto.
Aber schon ohne den oben beschriebenen Lottogewinn gibt es Gefahren, die ich nur zu Gut kennen lernen durfte. Türrahmen und ganz allgemein Objekte, die nicht in die Wahrnehmung gehören. Etwa Schrank-Kanten, im weg stehende Tische und Stühle. Ganz schlimm sind unaufgeräumte Schuhe, die im Weg stehen, auf die man falsch drauf triff, wenn die Wand von der Seite zuschlägt. Als Grund für die letzt jährlich so verursachte Knöchelverstauchung habe ich mich ausgeschwiegen. Was hätte es genützt, wenn ich gesagt hätte, ich bin aus 3000 m Höhe ins Tal gekugelt als ich von einer überdimensionierten
Oestrus ovis fallen gelassen wurde? Eben.
Nachdem ich gerade 38 °C unter der Zunge gemessen habe, wird mein Experiment mit aller Wahrscheinlichkeit ohnehin zum Scheitern verurteilt sein.
Einen Tipp zum Schluss kann ich aber verraten, wie man die Nase ohne Chemie frei bekommt (nachdem ich oben schon die Schafbremse erwähnt habe, Stichwort: natural high): Man muss sich wenigstens einmal in seinem Leben ausgiebig mit insektoiden (Nasen-) Parasiten beschäftigt haben. Besser als jedes Nasenspray (oder was man so braucht)!
Weiterundsoweitermachen.