Sex in der Softwareentwicklung ist ein kritisches Thema. Ein Tabu-Thema. Und doch gibt es diese Tabuisierung lediglich in gut einsehbaren (also kontrollierten) Environments.
Bei der Beobachtung eines agilen Environments (ich unterscheide grundsätzlich nicht zwischen pseudoagil und agil, da die Grenzfläche der Lernkurven zu agilen Arbeitsweisen selbst agil überlappen) ist mir ein direkter Vergleich zu Bonobos aufgefallen (zu
Katzen in der agilen Softwareentwicklung habe ich meinen Standpunkt bereits zu einer Wirbeltier-Gattung dargelegt).
Bevor ich zum Blowjob-Szenario komme, möchte ich einen kurzen Exkurs zu den Bonobos und dann zu Stressreaktionen machen. Ich muss etwas ausholen, sorry.
Die Bonobos
Die Bonobos (Pan paniscus, Hominidae) oder auch Zwergschimpansen sind eine Affenart, die ihre zoogeographische Verbreitung im Kongo hat. Ihre Sozialstruktur gleicht in verblüffender Weise der einer Menge von Softwareentwicklern (der sog. Großgruppe, wie man sie in Firmen aggregiert), die sich aus kleineren Teams (den sog. Untergruppen, den Projektteams) zusammen setzen. Die Untergruppen werden - mehr oder weniger stabil - aus gemischt-geschlechtlichen Individuen der Großgruppe gebildet. Die Untergruppen werden wegen der "Teambildung" bzw. "Teamumbildung" auch als "Fission-Fusion-Organisation" bezeichnet. Was im klassischen Projektmanagement als absolutes no go angesehen werden kann, kann in agilen Environments schon mal passieren: Wilde Umbildungsmaßnahmen, die keinem Freude machen. Nicht die agilen Konzepte für derartige Fission-Fusion-Organisationen sorgen dafür, sondern schlicht und einfach die Rahmenbedingungen, in die man sich agil hineinreitet. Oder eben nicht.
Nicht zuletzt wegen ihres häufig ausgelebten Sexualverhaltens sind mir die Bonobos zurück ins Gedächtnis geraten. Zoologen aus dem Bereich der Verhaltensforschung ordnen dieses Sexualverhalten nach wie vor der Reduktion von Spannungen innerhalb der Gruppenstrukturen zu. War ja klar. Ich kann schlecht Softwareentwickler mit Insekten vergleichen - auch wenn mir das mehr liegen würde und obwohl in der entomologischen Forschung noch immer nicht davon ausgegangen werden kann, dass Insekten Schmerzen empfinden können, wie es bei Wirbeltieren festzustellen ist. Eine Analogie zwischen Softwareentwicklern und Insekten wäre hier also durchaus denkbar. Nicht aber dankbar.
Um die Fission-Fusion-Reorganisationen gering zu halten, ist in agilen Environments darauf zu achten, Tote zu vermeiden. Der Markt an Bonobos ist aktuell weit von jeder Sättigung.
Bevor ich gruselige Szenarien zeichne male ich mir lieber die Fußnägel rot. Da wären wir auch gleich beim Thema.
Stressreaktionen
Da in dem beobachteten Team seit Monaten agile Stressreaktionen üblich sind ist mir zuerst selber nicht aufgefallen, wie sich die drei Phasen Schock, Widerstand und Erschöpfung zueinander verändert haben. Zunächst ist bei den Team-Bonobos (mich mit eingeschlossen) die Schock-Phase noch biochemisch erkennbar: Absenkung der Körpertemperatur (ich dachte, das läge am viel gepriesenen Münchner Sommer - 16 °C, ganz toll),
Hypoglykämie, verminderte Entschlackungsbereitschaft und Lymphozytose oberhalb normaler Werte (Blutbilderstellung ist ein altes Hobby von mir).
Zu Beginn des Projekt hat man Schock-Reaktionen auch ohne Blutabnehmen bemerken können. Jetzt, nach einem halben dreiviertel Jahr kann schon ein klingelndes Telefon zu unauffälligen Schockreaktionen führen. Während die Widerstandsphase des letzten Schocks noch nicht abgeklungen ist droht immer öfter die Erschöpfung. Und weil das absolut unangenehm und widersinnig ist, kann auch das wieder zu einer erneuten Stressreaktion führen.
Der interessantere und weniger schmerzhafte Aspekt der Stressreaktion ist nicht die Kaskadierung des Drei-Phasen-Modells (es ist mir ohnehin ein Rätsel, ob das chemisch überhaupt geht) sondern unser Team-Dauerbrenner: Die Widerstandsphase!
Der Hypothalamus triggert den Sympathikus. Die Geschlechtsorgane werden eingeklappt, der Darm geht in Habacht-Stellung und die stressinduzierten Stoffwechselvorgänge stabilisieren sich langsam. Alle Bonobos Programmieren mit Muskelkraft bis alles
ATP, das aus den letzten Reserven Glukose oxidiert wurde, verbraucht ist.
Und dann ruft jemand "Walter?". Walter ist eigentlich Walters Wurstladen. Walter kommt aus Franken. Ganz klares go.
Allerdings wäre eine Kohlenhydrat reiche Ernährung jetzt von Vorteil um den Glukosehaushalt wieder zu normalisieren.
Das Problem an der ganzen Sache mit den Stressreaktionen sind die Erschöpfungsphasen. Die können nämlich bei permanent einwirkenden Stressoren zu plötzlichen Organversagen führen. Aus Japan bekannt. Aber eine Vorspiegelung falscher Tatsachen: Es handelt sich hier um aktiven Stress-Suizid; so verliert niemand sein Gesicht (was übrigens in Japan ebenfalls Stressreaktionen auslösen soll, wir ich gelesen habe).
Ein Maß für ein höchst gefährlichen Team-Zustand sind früher am Tag auftretende Erschöpfungszustände. Wir haben die im Team meist kombiniert mit Kopfschmerzen (dafür gibt es Aktren, gutes Zeug).
Disaccharose
Seit eine kleine Gruppe Neurowissenschaftlern um Yvonne Ulrich-Lai an der University of Cincinnati, Ohio im Auftrag der weltweit agierenden Zuckerrüben-Mafia einen Bericht herumgereicht hat, in dem Disaccharose (normaler Zucker eben) im Rattenversuch eine erhebliche Reduktion von Stress bewirken können, muss festgehalten werden: Wenn hinter Coca Cola eine jüdische Verschwörung steckt, wurden die Juden aus der Zukunft zurück geschickt, um dem Planeten die Anti-Stress-Medizin der Superlative für das nächste Jahrtausend zu schenken. Danke auch. Ohne geht's halt nicht.
Es ist einzusehen, weshalb Zucker in stresssensitiven Environments beliebt ist.
Bewegung
Während meines Studiums bin ich vor wichtigen Prüfungen 2 Km wie ein gedopter gerannt. Bekanntlich baut das Stresshormone ab. Ich habe gelesen, Sport ist gesund und wirkt Stress nachhaltig entgegen. Das will hier wieder nur niemand lesen.
sexuelle Aufladung
Sexuell aufgeladene Environments sind ein Produkt von extremen Stresssituationen. Wie wir nun wissen, begegnen die Bonobos diesen Spannungen mit der Ausübung von durchschnittlich 13 Sekunden Sex (der eine oder andere weiß noch aus seiner Ehe zu berichten oder wird es vermutlich bald - wir sind im Team wenigstens so ehrlich und nennen unseren Sale des tortures schlicht "War room" und nicht so super euphemistisch "Schlafzimmer"). Auch mal Face-to-Face, was ich oben nicht beschrieben habe. Jedenfalls ist das effizient und entspricht gerade zweieinhalb Zigarettenlängen.
Ein gemischt geschlechtliches Team ist für den Teamfrieden anzustreben aber in der Regel nicht realistisch. Im Knast kennt man das und hat hierfür eine recht pragmatische Lösung: Die Konvertierung. Wenn die Männlichen Teammitglieder nun ihren Fight-or-flight mit einem Schuss Tend-and-befriend kombinieren lernen, wird das Team sehr wahrscheinlich von außen etwas verrückt und durchgeknallt wirken. Aber in der Lage sein, Stressreaktionen besser zu begegnen als andere monotypischen Wasserfallteams. Wobei es vielmehr darum geht, sich näher zu sein, verbal zu kuscheln, Pferde miteinander stehlen zu gehen und sich gegenseitig die Sterne vom Himmel zu holen (kotz). Sich zu vertrauen und allen Teambildungsmaßnahmen den nackten Arsch zu zeigen und gemeinsam das Lied anzustimmen: Hochseilgarten ist was für Lehrer und Banker. Und wir müssen alle nur deshalb auf Internet-Baustellen Projektarbeit leisten, weil wir's in der Pornobranche einfach zu nichts gebracht haben. Schade aber auch.
Feintuning
Was von individuell herausgefunden werden muss ist die Art und Weise, wie ein sexuelle aufgeladenes Environment optimal in einem Team, das von Anfang an mit dem Sportlichkeitssyndrom leben muss, ausgelebt werden kann. Ich denke jedes Team muss hier seine Vorlieben und Neigungen finden. Wir haben im Team sehr gute Erfahrungen beim Ausleben vieler guter Kombinationen aus Gewaltrealisierung, Kuschelorgien, zünftigen Lederhosen-Phantasien, Spaß mit Gas und Sex mit dem
blauen Elephanten. Allerdings frage ich mich, wo denn unser schwarzes Schaf hingekommen ist.
Produktivität
Wichtig, um dies nochmal zusammen zu fassen, sind zwei Punkte. Erstens, ein homoerotisches Environment kann als Indikator für Adrenalin-Überfunktion im Team gewertet werden. Das sollte beobachtet werden. Und zweitens hat die Erfahrung im Team auch gezeigt, dass Rollenspiele während der Arbeitszeit durchaus Lust auf mehr machen und dies eher als produktivitätssteigernd bei absoluter Unproduktivität einzustufen ist - also kein Zugewinn an Qualität oder Geschwindigkeit in der Produktion - jedoch das unvermeidliche Totalversagen hinauszögert. Und das ist ja schon mal was.
Weitermachen.
Aus dem Blog eines Mitstreiters: Wenn ich so schreiben könnte, würde ich keine Webseiten bauen...
Tracked: Aug 18, 19:27